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Eine Wildkatze in der Baumschule

Vor einiger Zeit hat ein Kunde unser Grundstück in einer Google-Bewertung „verwahrlost“ genannt.

Ich habe damals darüber geschrieben, warum das kein Vorwurf ist, sondern eine Beobachtung, die stimmt — und warum eine Fläche, auf der alles aufgeräumt ist, tot ist. Das war eine Behauptung. Heute kann ich sie belegen.

Auf unserem Gelände lebt eine Europäische Wildkatze. Bestätigt hat das der NABU, 

Warum das etwas heißt

Die Europäische Wildkatze ist keine verwilderte Hauskatze. Sie ist eine eigene Art, streng geschützt, und sie war in Deutschland über lange Zeit nahezu verschwunden. Sie kehrt seit einigen Jahren zurück — aber sie ist wählerisch. Sie braucht Deckung, Ruhe und ungestörte Ecken, und sie meidet aufgeräumte Landschaft.

Dass sie ausgerechnet bei uns ist, auf einer Betriebsfläche mitten im Rhein-Main-Gebiet, hat mich selbst überrascht.

 

Ich will ehrlich sein: Wir haben nichts dafür getan. Es gibt bei uns kein Artenschutzprogramm, keine angelegte Wildkatzenhecke, kein Projekt mit Fördermitteln. Es gibt nur die Art, wie wir seit Jahrzehnten arbeiten.

Was wir anders machen — und was wir einfach lassen

Bei uns bleiben Ecken stehen. Nicht jeder Quadratmeter wird geharkt. Zwischen den Quartieren wächst Zeug, das niemand bestellt hat, und es darf stehen bleiben, solange es die Kultur nicht bedrängt. Alte Stapel bleiben liegen. Ränder werden nicht ausgeputzt.

Das ist keine Nachlässigkeit. Es ist eine Entscheidung, die man jedes Jahr aufs Neue trifft — meistens gegen den Impuls, alles ordentlich zu machen, und regelmäßig gegen die Erwartung von Besuchern.

Der Preis dafür ist, dass es bei uns nicht aussieht wie im Prospekt. Der Ertrag ist das, was sich davon ernährt.

Wer sonst noch da ist

Die Wildkatze ist der spektakulärste Fall, aber nicht der einzige.

Der Wiedehopf. Ein Vogel, den die meisten Menschen nie im Leben zu Gesicht bekommen. Er sucht dort, wo der Boden offen bleibt und nicht alles zugewachsen oder zubetoniert ist.

Wiedehopf sucht Nahrung auf einer Wiese in der Baumschule
Wiedehopf sucht Nahrung auf einer Wiese in der Baumschule

 

Die Zauneidechse. Jedes Jahr in größerer Zahl. Sie braucht genau das, was aufgeräumt wirkende Flächen nicht bieten: Deckung, Totholz und warme Steine.

 

Die Ringelnatter. Zwischenden Farnen, meist dort, wo es feucht bleibt. Sie ist völlig harmlos und ebenfalls geschützt — und sie verschwindet als Erste, wenn Verstecke und Feuchtigkeit fehlen.

 

Die Gottesanbeterin. Vor zwanzig Jahren hätte sie hier niemand erwartet. Sie ist mit dem wärmeren Klima nach Norden gewandert — und sie bleibt nur, wo es genug Insekten gibt, von denen sie leben kann.

Schmetterlinge in Arten, die ich selbst erst nachschlagen musste. Sie brauchen Blühendes über die ganze Saison — nicht nur im Mai, wenn alles blüht, sondern auch im August, wenn die meisten Gärten fertig sind.

Dazu der Eisvogel am Bewässerungsteich,

GardenSchläfer — die kleinen Verwandten des Siebenschläfers — und zwischen zwanzig und dreißig Vogelarten, die wir über die Jahre gezählt haben.

unsere Bienen

Sowie unserer Hühner

und noch mehr

Das alles auf gut drei Hektar, direkt neben dem Erbenheimer Friedhof, keine zweihundert Meter von der Wohnbebauung.

Das ist nicht neu bei uns

Wer denkt, wir hätten das Thema für das Jubiläumsjahr entdeckt, dem sei gesagt: Zwischen 1988 und 1992 haben wir gemeinsam mit der Forschungsanstalt Geisenheim einen geschlossenen Wasserkreislauf aufgebaut — die Kulturen werden über Bewässerungsmatten von unten versorgt. Das hat den Wasserverbrauch erheblich gesenkt und war damals so ungewöhnlich, dass die Hessenschau darüber berichtet hat.

Das war vor mehr als dreißig Jahren. Damals hieß es noch nicht Nachhaltigkeit, sondern es war schlicht die Lösung für ein Problem, das wir hatten.

Was ich daraus mitnehme

Über Biodiversität wird viel geredet. In Bürgerversammlungen, in Broschüren, in Absichtserklärungen. Reden kostet nichts.

Leben kostet etwas. Es kostet den ordentlichen Anblick, es kostet Fläche, die nicht produziert, und es kostet gelegentlich eine schlechte Bewertung.

Ich nehme das in Kauf. Nicht aus Idealismus, sondern weil ich nach fünfundvierzig Jahren in diesem Beruf weiß, dass eine Fläche, auf der etwas lebt, die bessere Fläche ist. Der Boden ist gesünder. Die Pflanzen stehen besser. Und man muss weniger eingreifen.

Die Wildkatze ist nicht der Grund dafür, dass wir so arbeiten.

Sie ist die Bestätigung, dass es richtig war.

Wo genau sie sich aufhält, schreibe ich nicht, und Aufnahmen von ihrem Versteck zeige ich nicht. Die Art ist streng geschützt, und sie hat es verdient, in Ruhe gelassen zu werden.

Warum ich zum Thema Biodiversität ausführlicher geschrieben habe, steht in diesem Beitrag.

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