Wenn Sie einen Apfel essen und den Kern in die Erde stecken, wächst daraus ein Baum. Nur trägt der irgendwann Äpfel, die mit dem ursprünglichen nichts mehr zu tun haben. Kleiner meistens, saurer fast immer.
Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Obstsorten sind nicht samenecht. Ein Kern trägt das Erbgut zweier Elternteile, und was daraus entsteht, ist ein neuer, unbekannter Sämling. Genau so sind übrigens alle unsere Sorten einmal entstanden — durch Zufall, und dann durch jemanden, der den Zufall bemerkt hat.
Damit ein Boskoop ein Boskoop bleibt, muss er vermehrt werden, ohne dass Samen im Spiel sind. Dafür gibt es die Veredlung.
Zwei Pflanzen werden eine

Bei der Veredlung verbindet man zwei Teile miteinander:
Die Unterlage. Ein junger Sämling oder ein bewurzelter Steckling — bei uns hießen die früher schlicht Wildlinge. Sie liefert die Wurzel und bestimmt, wie groß der Baum einmal wird.
Beim Apfel arbeiten wir mit zwei Enden dieser Skala. M9 ist die schwachwachsende Unterlage: Daraus wird ein kleiner Baum, der früh trägt und in jeden Hausgarten passt — der allerdings dauerhaft einen Pfahl braucht, weil er nie genug Standfestigkeit entwickelt. Am anderen Ende steht der Bittenfelder Sämling, die traditionelle starkwachsende Unterlage. Auf ihm wächst ein Hochstamm, unter dem in dreißig Jahren eine Bank steht, und der hundert Jahre alt werden kann.
Dieselbe Sorte, dieselbe Veredlung — und trotzdem zwei völlig verschiedene Bäume. Wer bei uns einen Obstbaum kauft und nach der Unterlage fragt, stellt die klügste Frage überhaupt. Sie entscheidet über Platzbedarf, Standfestigkeit, Ertragsbeginn und Lebensdauer.
Das Edelreis. Ein einjähriger Trieb der Sorte, die Sie haben wollen, im Winter geschnitten und kühl gelagert. Er bringt Blüte, Frucht und Wuchsform mit.

Was daraus wird, ist ein Baum mit den Wurzeln der einen und der Sorte der anderen Pflanze. Und die Stelle, an der beide zusammenwachsen, sieht man ihm sein Leben lang an: die Veredlungsstelle, dieser Knick knapp über dem Boden.
Warum im Januar
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Beide Partner müssen in der Winterruhe sein: Das Edelreis darf nicht austreiben, bevor die Verbindung steht, und die Unterlage soll ihre Kraft nicht in Blätter stecken, sondern in die Wundstelle.
Dazu kommt der praktische Grund. Im Januar liegt draußen die Arbeit still. Man sitzt im Warmen, hat Zeit für saubere Schnitte, und bis zum Frühjahr sind die Veredlungen verwachsen und können gepflanzt werden.
Woher die Unterlagen kommen — und warum wir sie nicht selbst ziehen
Unsere Unterlagen ziehen wir nicht selbst. Wir kaufen sie in spezialisierten Betrieben, die nichts anderes machen — und das hat einen Grund, den man dem fertigen Baum nicht ansieht: die Viruskontrolle.
Obstgehölze können Viren tragen, ohne dass man ihnen etwas anmerkt. Kein Fleck, kein welkes Blatt — nur weniger Wuchs, weniger Ertrag, kürzeres Leben. Und weil eine Veredlung zwei Pflanzen dauerhaft verbindet, wird alles, was in der Unterlage steckt, an den Baum weitergegeben. Ein einziges verseuchtes Reis vermehrt sich über Jahre in jeden Baum hinein, der daraus entsteht.
Deshalb kommen Unterlagen und Edelreiser aus geprüften Beständen, die genau darauf kontrolliert werden. Das kostet mehr als selbst ziehen. Es ist aber der Unterschied zwischen einem Baum, der vierzig Jahre trägt, und einem, der nach zehn kümmert — und man sieht ihn erst, wenn es zu spät ist.
Der Schnitt entscheidet

Und hier trennt sich Handwerk von Basteln. Wir arbeiten mit der Kopulation: Unterlage und Edelreis bekommen einen langen, glatten Schrägschnitt — beide gleich lang, beide in einem Zug. Kein Nachsägen, kein Korrigieren.

Damit das aufgeht, müssen beide etwa gleich dick sein. Deshalb wird nicht irgendein Reis auf irgendeine Unterlage gesetzt, sondern vorher sortiert.
Worauf es ankommt, sieht man nicht auf den ersten Blick: Direkt unter der Rinde liegt eine hauchdünne Schicht, das Kambium. Nur dort teilen sich Zellen, nur dort kann etwas zusammenwachsen. Die Kambiumschichten beider Teile müssen aufeinandertreffen — wenigstens auf einer Seite, über die ganze Schnittlänge.
Liegen sie daneben, passiert nichts. Die Veredlung sieht wochenlang gut aus, treibt sogar aus der im Reis gespeicherten Kraft aus — und stirbt dann ab, wenn diese Kraft aufgebraucht ist. Das ist der Grund, warum bei Anfängern so viele Veredlungen erst im Mai eingehen.
Verbinden und verschließen

Die Verbindungsstelle wird straff umwickelt, damit sich nichts verschiebt. Anschließend wird sie verschlossen, damit die Wundfläche nicht austrocknet, bevor sie verwachsen ist.

Danach kommen die fertigen Veredlungen kühl und feucht zum Verwachsen. Bis zum Frühjahr bildet sich an der Schnittstelle neues Gewebe, das beide Teile verbindet. Was dann austreibt, treibt aus dem Edelreis — und trägt in ein paar Jahren die Sorte, die Sie bestellt haben.
Wie lange das dauert
Von diesem Januartag bis zu dem Baum, den Sie bei uns aus der Erde nehmen, vergehen je nach Form drei bis fünf Jahre. Dazwischen liegt Verschulen, Schneiden, wieder Schneiden, Aufbinden und noch einmal Schneiden.
Wer sich das einmal klarmacht, versteht auch, warum ein Obstbaum kostet, was er kostet — und warum es einen Unterschied macht, ob er drei Jahre bei uns auf dem Feld stand oder als Massenware aus dem Süden kommt.
Ein Handgriff, der bleibt
Veredelt wird seit der Antike, und im Kern hat sich daran nichts geändert. Ein scharfes Messer, zwei glatte Schnitte, ruhige Hände.
Mein Großvater hat es an der Gartenbaulehranstalt in Berlin-Dahlem gelernt und ab 1926 seinen Betrieb damit aufgebaut. Mein Vater hat es von ihm übernommen. Ich habe während meiner Lehre und danach über Jahre Rosen veredelt, in unserem Betrieb und im Ausbildungsbetrieb — irgendwann so viele, dass mir Rosen langweilig wurden und ich zu den Stauden wechselte.
Aber der Handgriff sitzt bis heute. Und es ist einer der wenigen in diesem Beruf, den man nicht aus einem Buch lernen kann.
