100 Jahre Baumschule Obst Rosen und Staudenkulturen

1926.

Nach seinem erfolgreichen Abschluss an der Gartenbaulehranstalt in Berlin-Dahlem kehrte mein Großvater Karl Schneider – Jahrgang 1901 – voller Tatendrang in seine Heimat zurück. Mit dem Wissen eines frisch ausgebildeten Diplom-Gartenbau-Technikers und dem Mut eines jungen Unternehmers wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit.

In Mainz-Kostheim, unweit der damaligen Zellulosefabrik, erhielt er von seinem Bruder Wilhelm, dem Pächter des elterlichen Hofguts, ein einen Hektar großes Grundstück zur Unterpacht. Auf dieser Fläche legte er den Grundstein für seine eigene Gärtnerei – ein Betrieb, der in den folgenden Jahren zu seinem Lebenswerk werden sollte.

Die ersten Jahre waren geprägt von harter Arbeit, aber auch von Aufbruchsstimmung. Die Hauptkulturen waren Obst und Rosen, zwei Erzeugnisse, die damals sehr gefragt waren. Mit Fleiß, Geschick und einem sicheren Gespür für Pflanzen gelang es meinem Großvater, von seiner Arbeit gut zu leben und sich in der Region einen Namen zu machen.


 

Hintegrund im Mantel Karl Schneider
1930
Mit der Heirat meiner Großmutter Bertha Born begann für meinen Großvater ein neuer Lebensabschnitt, der nicht nur von Verantwortung, sondern auch von Zuversicht geprägt war. Gemeinsam zogen sie nach Erbenheim, in die Ringstraße 1 – ein Anwesen, das den Geist einer vergangenen Zeit atmete und für die junge Familie zu einem Mittelpunkt des Lebens wurde.
Die Ringstraße 1 war eine typische fränkische Hofreite, wie sie im frühen 20. Jahrhundert vielerorts das Dorfbild prägte. Ein geschlossener Vierseithof, dessen Mauern Wind und Wetter getrotzt hatten. Zwei Wohnhäuser rahmten den Innenhof, dazu Ställe, eine große Scheune und mehrere kühle, gewölbte Keller, in denen Vorräte lagerten und Most gärte. In der Mitte des Hofes, leicht nach links versetzt, lag der Misthaufen – damals ein alltäglicher Anblick, der den Kreislauf von Arbeit, Natur und Versorgung widerspiegelte.
Erbenheim selbst war zu dieser Zeit noch ein echtes Dorf, geprägt von Landwirtschaft, Handwerk und enger Nachbarschaft. Man kann sich vorstellen, wie morgens die Hähne krähten, wie Pferdewagen über das Kopfsteinpflaster rumpelten und wie die Menschen sich auf der Straße grüßten, weil jeder jeden kannte. Elektrizität, Maschinen und moderne Infrastruktur hielten erst langsam Einzug – vieles geschah noch mit der Hand, im Rhythmus der Jahreszeiten.
Im Nebenerwerb hielt die Familie Hühner und mästete Schweine, wie es damals üblich war. Die Tiere lieferten Eier, Fleisch und ein kleines zusätzliches Einkommen. Es war ein Leben, das von Arbeit geprägt war, aber auch von einer tiefen Verbundenheit mit dem Land und der Gemeinschaft.
Mit dem Umzug kamen außerdem zwei Hektar Feld hinzu. Auf diesen Flächen baute mein Großvater vor allem Obst an – eine Erweiterung seiner gärtnerischen Tätigkeit, die ihm wirtschaftliche Stabilität gab. Die Obstkulturen verlangten viel Pflege: Schneiden, Ausdünnen, Bewässern, Ernten. Doch sie waren auch ein Symbol für Wachstum und Zukunft.
So entstand in Erbenheim ein kleiner, vielseitiger Betrieb, der Landwirtschaft, Obstbau und gärtnerisches Können vereinte. Für meine Großeltern war die Ringstraße 1 nicht nur ein Wohnort, sondern ein Lebensmittelpunkt – ein Ort, an dem Arbeit, Familie und Tradition miteinander verwoben waren und der bis heute Spuren in unserer Familiengeschichte hinterlassen hat.

 

Bertha Born Mein Großmutter mit Enkel in der Ringsstr1
Das Anwesen in der Ringstraße 1 blieb über viele Jahrzehnte das Herzstück des Familienbetriebs. Von 1930 bis 2007 diente es der Baumschule als zentraler Betriebshof – ein Ort, an dem gearbeitet, gelagert, veredelt und geplant wurde.
Im Laufe der Zeit wurde die Hofreite immer wieder baulich angepasst. Neue Schuppen entstanden, Arbeitsräume wurden modernisiert, Maschinen fanden ihren Platz, und jede Generation hinterließ ihre Spuren. Der Hof wuchs mit den Anforderungen des Betriebs, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Doch die Welt um die Ringstraße veränderte sich. Aus dem dörflichen Erbenheim wurde ein wachsender Stadtteil, Wohngebiete rückten näher, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für einen Baumschulbetrieb mitten im Ort verschoben sich grundlegend. Was einst ein idealer Standort gewesen war, wurde zunehmend zu einer Herausforderung. Schließlich war eine wirtschaftliche Weiterführung an diesem Ort nicht mehr möglich – ein Einschnitt, der das Ende einer langen Ära markierte.
Gleichzeitig war dieser Moment auch ein Wendepunkt. Die Familie stand vor der Frage, wie es weitergehen sollte: Sollte der Betrieb verlagert, neu ausgerichtet oder in anderer Form weitergeführt werden? Diese Phase des Übergangs prägte die nächste Generation und führte zu Entscheidungen, die den Weg der Baumschule in die Zukunft bestimmten.

 

 


1930
In diesem Jahr stellte mein Großvater den Antrag auf Anerkennung als gärtnerischer Lehrbetrieb – ein bedeutender Schritt, der seinen Betrieb offiziell in den Kreis der Ausbildungsstätten erhob. Diese Entscheidung zeigt, wie sehr er an die Zukunft seines Handwerks glaubte und wie wichtig ihm die Weitergabe seines Wissens war.
Der Betrieb war zu dieser Zeit noch überschaubar, aber gut organisiert. Ein Obergärtner und ein weiterer Mitarbeiter unterstützten meinen Großvater bei der täglichen Arbeit. Die Ausstattung umfasste zehn Frühbeetfenster, die damals unverzichtbar waren, um Jungpflanzen vor Kälte zu schützen und empfindliche Kulturen sicher heranzuziehen. Man kann sich vorstellen, wie früh am Morgen die Glasfenster geöffnet wurden, um die Pflanzen zu lüften, und wie abends sorgfältig alles wieder geschlossen wurde, damit kein Frost eindringen konnte.
Die frühen 1930er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Deutschland befand sich in einer wirtschaftlich schwierigen Phase, doch in der Landwirtschaft und im Gartenbau herrschte trotz aller Unsicherheiten ein gewisser Pragmatismus. Man arbeitete mit dem, was man hatte, und vertraute auf Erfahrung, Handarbeit und den Rhythmus der Natur.
1931
Ein Jahr später wurde mein Vater, Karl Schneider jun., geboren. Seine Kindheit fiel in eine Zeit, in der das Leben noch stark von der Landwirtschaft geprägt war. Für ihn war der Betrieb nicht nur ein Arbeitsplatz seiner Eltern, sondern ein Abenteuerspielplatz, Lernort und Zuhause zugleich. Niemand ahnte damals, dass er später selbst einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten und die Geschichte des Familienbetriebs weiterschreiben würde.

1935

Die Mitte der 1930er Jahre war für die Familie eine Zeit relativer Stabilität. Der Betrieb in der Ringstraße 1 war inzwischen fest etabliert, und das Leben spielte sich zwischen Hof, Feldern und den wachsenden Aufgaben der Baumschule ab. Für meinen Vater und seine Schwester war der Hof ein Ort voller Eindrücke: der Geruch frisch geschnittenen Holzes aus der Scheune, das Krähen der Hähne am frühen Morgen, das Klappern der Eimer, wenn die Arbeiter Wasser zu den Pflanzen trugen.
Während die Erwachsenen arbeiteten, beobachteten die Kinder neugierig das Treiben. Sie kannten jeden Winkel des Hofes – die kühlen Keller, in denen Vorräte lagerten, die Ställe, in denen Tiere versorgt wurden, und die Frühbeete, in denen die ersten zarten Pflanzen des Jahres heranwuchsen. Für sie war es eine Welt voller kleiner Abenteuer, in der der Alltag der Landwirtschaft und des Gartenbaus ganz selbstverständlich war.
Doch über dem Land lag bereits ein Schatten. Die politischen Veränderungen der Zeit waren spürbar, auch wenn sie im dörflichen Alltag oft nur indirekt wahrgenommen wurden. Neue Vorschriften, neue Organisationen, neue Erwartungen – all das wirkte sich auch auf Betriebe wie den meines Großvaters aus. Trotzdem versuchte die Familie, ihren Alltag so normal wie möglich zu gestalten.
Die Jahre bis zum Kriegsbeginn waren geprägt von Arbeit, aber auch von Zusammenhalt. Die Baumschule wuchs langsam weiter, und mein Großvater setzte alles daran, den Betrieb trotz der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten stabil zu halten. Für die Kinder blieb diese Zeit in Erinnerung als eine Phase, in der der Hof ihr Lebensmittelpunkt war – ein Ort, an dem sie Geborgenheit fanden, während sich die Welt um sie herum veränderte.

 

1940- Mitte 1944

Während der Kriegsjahre geriet der Betrieb in der Ringstraße 1 in eine schwierige Lage. Führungslos und ohne die gewohnte Arbeitskraft meines Großvaters diente er in dieser Zeit vor allem der Ernährung der verbliebenen Familie. Die Baumschule wurde auf das Nötigste reduziert, und vieles drehte sich nur noch darum, den Alltag zu bewältigen.
In der großen Scheune befand sich damals der Kuhstall, einer der größten in Erbenheim, der in dieser Zeit verpachtet war. Die Tiere lieferten Milch und Mist – beides wertvolle Ressourcen in einer Phase, in der Versorgungslage und Arbeitskraft knapp waren.
Mein Großvater selbst war zu dieser Zeit nicht zu Hause. Einer seiner typischen Späße, wie er sie gern machte, ging nach hinten los und führte zu einer Verurteilung. In der Folge musste er seine Arbeitskraft der Organisation Todt zur Verfügung stellen, die unter anderem am Bau des Atlantikwalls eingesetzt wurde. Diese Zwangsverpflichtung bedeutete harte körperliche Arbeit unter schwierigen Bedingungen, fern der Familie und ohne Gewissheit, wann oder ob er zurückkehren würde.
Nach dem D-Day im Juni 1944 änderte sich die Lage. Viele der weniger belasteten Fälle – darunter auch mein Großvater – wurden aus den Arbeitsverpflichtungen entlassen oder nach Hause geschickt. Über verschiedene Umwege, erschöpft und gesundheitlich angeschlagen, kehrte er 1944 nach Erbenheim zurück. Seine Heimkehr war für die Familie ein Moment der Erleichterung, aber auch der Neubeginn in einer Zeit, die weiterhin von Unsicherheit geprägt war.
 
 
Mein Großvater rechts links seine Frau meine Oma und in der Mitte meine Urgroßmutter Auguste Thon Landwirtin aus der Schwalbacher Str Wiesbaden

1945

Mit dem Ende des Krieges begann für die Familie eine Phase des Neuaufbaus, die von Entbehrungen, aber auch von neuer Zuversicht geprägt war. Mein Großvater, inzwischen wieder einigermaßen bei Kräften, nahm die Arbeit mit einer Mischung aus Pflichtgefühl und Hoffnung auf. Auf einem Hektar Land in Erbenheim begann er erneut mit der Kultur von Obstbäumen – ein bescheidener, aber entschlossener Schritt zurück in die Normalität.
Gleichzeitig änderte sich die Situation in Mainz-Kostheim grundlegend. Die amerikanische Militärverwaltung ordnete die Betriebe neu, und mein Großvater wurde als Verwalter des väterlichen Hofguts eingesetzt. Sein Bruder Wilhelm Schneider musste das Gut aus politischen Gründen abgeben, und so fiel meinem Großvater die Verantwortung zu, den Hof durch diese unübersichtliche Übergangszeit zu führen.
Diese Aufgabe war alles andere als leicht. Die Nachkriegsjahre waren geprägt von Mangel an Material, Saatgut, Werkzeugen und Arbeitskräften. Vieles musste improvisiert werden. Gleichzeitig verlangte die Verwaltung des Hofguts organisatorisches Geschick und die Fähigkeit, mit den neuen Behörden zusammenzuarbeiten. Doch mein Großvater war ein Mann, der sich Herausforderungen stellte – und so gelang es ihm, den Betrieb zumindest in seinen Grundstrukturen zu erhalten.
Während er sich um Hof und Felder kümmerte, begann mein Vater im selben Jahr seinen eigenen Weg: eine dreijährige Lehre in der Baumschule Hitschke in Eltville. Für ihn war dies der erste Schritt in eine berufliche Zukunft, die später eng mit dem Familienbetrieb verwoben sein sollte. Die Ausbildung brachte frisches Wissen, moderne Techniken und neue Impulse – all das, was nach den Jahren des Stillstands dringend gebraucht wurde.
So standen in den ersten Nachkriegsjahren zwei Entwicklungen nebeneinander:
  • der vorsichtige Wiederaufbau des Betriebs durch meinen Großvater,
  • und der Beginn der beruflichen Laufbahn meines Vaters.
Beide Linien liefen zunächst parallel, doch sie sollten sich später wieder vereinen und die Grundlage für die Weiterführung der Baumschule bilden.

 

Karl Schneider sen. und Karl Schneider jun. beim aufpflanzen von Wildlingen

1948

Mit dem Eintritt meines Vaters in den Familienbetrieb begann eine neue Etappe. Nach seiner dreijährigen Lehrzeit brachte er nicht nur frisches Fachwissen aus der Baumschule Hitschke in Eltville mit, sondern auch den Willen, den Betrieb gemeinsam mit meinem Großvater in eine neue Zeit zu führen.
Die bewirtschaftete Fläche umfasste nun drei Hektar, und diese Erweiterung war mehr als nur eine Zahl. Sie stand für den Wiederaufbau nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren, für Mut und für die Bereitschaft, wieder etwas zu wagen. Obstbäume, Jungpflanzen und gärtnerische Kulturen prägten das Bild der Felder – ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Betrieb wieder zu Kräften kam.
Die 1950er Jahre waren eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Auch in Erbenheim und Kostheim spürte man, wie sich das Leben langsam normalisierte. Neue Maschinen hielten Einzug, die Versorgungslage verbesserte sich, und die Nachfrage nach Pflanzen und Obst stieg. Vater und Großvater arbeiteten nun Schulter an Schulter: Der eine mit jahrzehntelanger Erfahrung, der andere mit modernem Wissen und jugendlicher Energie.
Diese Kombination erwies sich als Glücksfall. Während mein Großvater die traditionellen Arbeitsweisen pflegte und den Betrieb mit ruhiger Hand führte, brachte mein Vater neue Ideen ein – effizientere Pflanzmethoden, verbesserte Schnitttechniken, moderne Sorten. Gemeinsam schufen sie die Grundlage für eine Baumschule, die in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen sollte.
Der Hof in der Ringstraße blieb dabei der Mittelpunkt des Geschehens: ein Ort, an dem gearbeitet, gelacht, gestritten und wieder versöhnt wurde. Ein Ort, an dem zwei Generationen zusammenfanden und den Betrieb Schritt für Schritt in die Zukunft führten.

 

 

1950

Kauf des ersten Traktors – ein Ferguson

Mit der Auflösung des väterlichen Hofguts und der anschließenden Erbteilung begann für den Betrieb eine neue Phase. Die frei werdenden Flächen ermöglichten es, die Baumschule Schritt für Schritt zu vergrößern und den Grundstein für weiteres Wachstum zu legen.
In dieser Zeit des Aufbruchs wurde auch eine wichtige Investition getätigt: der erste eigene Traktor, ein Ferguson. Für den Betrieb war er weit mehr als nur eine Maschine – er stand für Modernisierung, für Unabhängigkeit und für den Mut, neue Wege zu gehen. Die Arbeit auf dem Feld wurde effizienter, und viele Aufgaben, die zuvor mühsam von Hand erledigt wurden, konnten nun mechanisiert werden.
Neben der Baumschule bewirtschaftet der Betrieb seitdem rund 15 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Der Schwerpunkt liegt auf dem Anbau verschiedener Getreidekulturen, die bis 1976 einen festen Bestandteil der betrieblichen Ausrichtung bilden.

 
IM Deutschlamd gimg es aufwärts die Nachfrage stieg hier die Lieferung einer Paaulownia

1957

Heirat von Karl Schneider jun. mit Anita, geb. Hautzel, einer Bauerntochter aus Massenheim
Mit der Hochzeit von Karl Schneider jun. und Anita, geborene Hautzel, begann ein neuer Abschnitt in der Familiengeschichte. Anita, aufgewachsen als Bauerntochter in Massenheim, brachte nicht nur landwirtschaftliche Erfahrung, sondern auch Tatkraft und Verbundenheit zur Natur in den Betrieb ein. Gemeinsam legten sie den Grundstein für die weitere Entwicklung des Hofes und prägten mit ihrem Engagement und Zusammenhalt die kommenden Jahrzehnte.

 

Karl Schneider und Anita Schneider geb Hautzel

1958

Mein Vater und meine Mutter auf der neu angeschafften Pflanzmaschine für Rosen, Johannisbeeren und Ziergehölze
Der Kauf der neuen Pflanzmaschine markierte für den Betrieb einen wichtigen Schritt in Richtung Modernisierung. Auf dem Foto sitzen mein Vater und meine Mutter gemeinsam auf der frisch erworbenen Maschine – ein Moment, der den Aufbruch in eine effizientere und zugleich arbeitsleichtere Zukunft festhält.
Mit ihrer Hilfe konnten Rosen, Johannisbeeren und verschiedene Ziergehölze nun deutlich schneller und präziser gesetzt werden. Für meine Eltern bedeutete diese Anschaffung nicht nur eine technische Verbesserung, sondern auch ein Stück Erleichterung im oft arbeitsintensiven Alltag der Baumschule.

 

Rosenaustellung 1958 im Saalbau zum Löwen In der Mitte Karl Scneider sen mit einer Besucherin

und eine weitere auch aus dieser Zeit im Gasthaus Zum Engel

Katalogseite aus 1950er
Katalogseite aus den 1950er
Katalogseite aus den 1950er

1959

In diesem Jahr wird der erste Sohn von Karl Schneider jun. geboren: Karl‑Heinz Schneider. Mit seiner Ankunft beginnt ein neues Kapitel im Familienleben und auf dem Hof.
 
In den darauffolgenden Jahren wächst die Familie weiter. Drei weitere Söhne – Klaus, Herbert und Reinhold – kommen zur Welt und prägen später gemeinsam mit ihrem älteren Bruder das Leben und Arbeiten auf dem elterlichen Betrieb. Jeder von ihnen bringt eigene Stärken und Interessen ein, sodass die nächste Generation früh zu einem wichtigen Bestandteil der Hofgemeinschaft wird.

 

1961

Nach vielen langen Abenden, an denen Karl Schneider jun. nach der täglichen Arbeit noch die Schulbank drückte, legte er schließlich erfolgreich die Gärtnermeisterprüfung ab. Dieser Abschluss war nicht nur der Lohn für seine Ausdauer und Disziplin, sondern auch ein wichtiger Meilenstein für die Weiterentwicklung des Betriebs.
Mit dem Meistertitel in der Hand eröffnete sich ihm die Möglichkeit, den Hof fachlich wie organisatorisch auf ein neues Niveau zu heben. Sein Engagement legte damit einen Grundstein für die Zukunft des Unternehmens und prägte die Ausrichtung der folgenden Jahre.

 

Meister mit Nachwuchs auf dem Rosenfeld

1967

Mein Vater begann im Anwesen in der Ringstraße 1, mitten im Herzen des Ortes, mit dem Privatverkauf. As heutiger Sicht kaum vorstellbar: Alles musste durch das große Holztor in der Hausmitte – Traktor, Anhänger, LKW, sämtliche Pflanzenlieferungen sowie Kunden und Lieferanten.
Der Hof war damit ein quirliger Mittelpunkt des Dorflebens. Zwischen Maschinen, Pflanzen und Gesprächen entstand ein Ort, an dem Arbeit, Handel und Gemeinschaft ganz selbstverständlich ineinandergriffen. Diese besondere Atmosphäre prägte die Anfangsjahre des Betriebs und bleibt bis heute unvergessen.
 
Karl Schneider jun. auf einem Tracktor
Karl Schneider sen ( Hintergrund, Karl Schneider jun ( Vordergrund) Karl- Heinz und Klaus ( Mitte )
Hofmitte
Schon neue Halle
Hinter der Halle Garten als Verkaufsfläche
Blick von Hinten, Garten und Haalle neben noch zu sehen Frühbeetkasten

Hier im Hof spielte sich alles ab Laden, Verladen, Hierstaden die Pflanzen für Bestellungen Hänger Traktor manchmal auch Chaos

Blick von Vorne auf die Halle( 400 qm Grundfläche 2,5 Stockwerke  ist bereits die neue Halle die mein Vater Bauen ließ

Hinter der Halle befand sich noch 800qm Garten genutzt als Einschlag und Präsentierfläche für Pflanzen

Blick vom Grabenweg auf die Hinterseite der Halle . Rechts noch zu sehen Frühbeetkasten

1970

In diesem Jahr verstirbt mein Großvater mütterlicherseits, Heinrich Hautzel aus Massenheim. Sein Tod hinterlässt eine spürbare Lücke in der Familie und markiert zugleich einen bedeutenden Einschnitt in der Geschichte des Betriebs.
 
Durch das Erbe meiner Mutter, Anita, geb. Hautzel, erweitert sich die landwirtschaftliche Fläche des Hofes um weitere 10 Hektar. Damit umfasst das Eigentum nun insgesamt 47 Hektar. Davon werden 20 Hektar für den Getreideanbau genutzt, 7 Hektar dienen als Baumschulfläche, und die übrigen Flächen stehen als Gründüngungsflächen zur Verfügung – wertvolle Reserven, die flexibel für den notwendigen Flächenwechsel eingesetzt werden konnten.
Diese Erweiterung stärkte den Betrieb langfristig und schuf die Grundlage für eine stabile und zukunftsfähige Entwicklung über die kommenden Jahrzehnte hinweg.
Verladung eines Baumes

1971

Durch den zusätzlichen Landzuwachs konnte die Baumschulfläche auf 10 Hektar erweitert werden. Diese Vergrößerung war ein wichtiger Schritt, um die Produktion auszubauen und den Betrieb breiter aufzustellen.
Um gleichzeitig das Privatkundengeschäft weiter zu stärken, nahm mein Vater an der damals in Wiesbaden stattfindenden HARFA teil – einer bedeutenden Garten- und Fachmesse ihrer Zeit. Die Teilnahme bot ihm die Möglichkeit, den Betrieb einem größeren Publikum zu präsentieren, neue Kunden zu gewinnen und wertvolle Kontakte innerhalb der Branche zu knüpfen.
Diese Kombination aus Flächenerweiterung und aktiver Vermarktung legte einen weiteren Baustein für das stetige Wachstum des Unternehmens.

1974

In diesem Jahr verstirbt mein Großvater väterlicherseits, Karl Schneider sen. Mit ihm geht eine prägende Persönlichkeit, die den Betrieb über viele Jahrzehnte mit aufgebaut und durch Höhen und Tiefen geführt hat. Sein Tod markiert das Ende einer Ära und zugleich den Beginn eines neuen Abschnitts für die Familie und den Hof.
Kurz darauf folgt ein bedeutender Schritt in der Weiterentwicklung des Unternehmens: Die Übernahme eines alten Gartencenters an der Berliner Straße in Erbenheim. Mit diesem neuen Standort wird der Verkauf dorthin verlagert – ein mutiger Schritt, der den Betrieb näher an die Kundschaft bringt und neue Möglichkeiten im Privatkundengeschäft eröffnet.
Auch am Stammsitz in der Ringstraße bleibt die Zeit nicht stehen. Die alte landwirtschaftliche Scheune wird vollständig umgebaut und verwandelt sich in eine moderne Lager- und Maschinenhalle. Damit entsteht ein funktionaler Mittelpunkt für Technik, Material und Logistik, der den Betrieb effizienter macht und ihn für die kommenden Jahre gut aufstellt.

 
Blick in eines der Folienhäuser
Zum 50‑jährigen Betriebsjubiläum erhält mein Vater eine besondere Anerkennung: Bürgermeister Rudi Schmitt überreicht ihm die Stadtplakette in Bronze. Diese Auszeichnung würdigt nicht nur sein jahrzehntelanges Engagement, sondern auch den Beitrag des Betriebs zur Entwicklung des Ortes und zur regionalen Gartenbaukultur. Für die Familie wie für den Betrieb ist dies ein Moment des Stolzes und der Wertschätzung.
Parallel dazu erfährt der Betriebshof in der Ringstraße 1 eine umfassende Modernisierung. Gebäude, Hof und Infrastruktur werden von Grund auf erneuert und an die Anforderungen eines zeitgemäßen Gartenbaubetriebs angepasst. Mit Abschluss der Arbeiten umfasst die Betriebsfläche nun 15 Hektar – eine solide Grundlage für weiteres Wachstum und eine stabile Zukunft.

 

1979

Nach zwei jähriger Ausbildung in der Baumschule Waldecker in Sulzbach tritt die dritte Generation, Karl- Heinz Schneider als Geselle in den Betrieb ein. In der Ringstr. werden moderne Sozialräume gebaut.

Bedingt durch ein Umdecken in der Gesellschaft weg vom chem. Pflanzenschutz beginnt erst langsam aber spürbar der Umsatz von Rosen( erhöhter Pflanzenschutz) abzunehmen.

persönlich bedingt durch langjähriges Rosenveredeln im heimischen Betrieb als auch im Ausbildungsbetrieb hatte sich eine gewisse Sättigung bei mir ergeben , schlichtweg Rosen wurden mir langweilig. Im Ausbildungsbetrieb lernte ich das Feld der Stauden kennen und lieben Nach meinem Eintritt reduzierten wir die Anzahl an produzierten Rosen und erhöhten die Bodendecker und Staudenproduktion auf

2 ha Betriebsfläche

Gleichzeitig werden viele Alleebäume produziert und verkauft

Das Sortiment reicht von den kleinen 2xv = zweimal verschulten wurzelnackten Pflanzen,den Stauden und Bodendecker im 9er Topf bis hin zum großen Alleebaum

Rosenproduktionsfeld 50000 rosen+
Gepflanzt vor dem Eisenturm durch die StadtM;ainz

1981

Im Jahr 1981 tritt nach zweijähriger Ausbildung zum Gärtner der Fachrichtung Baumschule Karl‑Heinz Schneider in den Familienbetrieb ein. Mit seinem Einstieg beginnt eine neue Generation aktiv Verantwortung zu übernehmen. Sein Wissen, seine Energie und sein Blick für moderne Arbeitsweisen stärken den Betrieb in einer Phase, die ohnehin von technischen Investitionen und strukturellen Veränderungen geprägt ist.

1984
Auf dem Gelände am Flugplatz treten zunehmend Probleme auf. Hohe Nitrat- und Chloridwerte im Brunnenwasser verursachen Schäden an Bodendeckern und Stauden und beeinträchtigen die Kulturen spürbar. Trotz umfangreicher behördlicher Untersuchungen werden die Ursachen nie vollständig geklärt – ein Umstand, der den Betrieb über Jahre hinweg beschäftigt.
Um die Auswirkungen dennoch zu begrenzen, investiert der Betrieb in moderne Technik. Eine wassersparende Beregnungsanlage sowie ein Fert‑o‑Ject‑Düngegerät werden angeschafft. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Schäden deutlich reduzieren, auch wenn die Ursachenforschung weiterläuft und der Standort am Flugplatz eine ständige Herausforderung bleibt.
Diese Phase zeigt eindrucksvoll, wie flexibel und lösungsorientiert der Betrieb auf äußere Schwierigkeiten reagiert und trotz widriger Bedingungen seinen Weg fortsetzt.

 

 
 
 

1984

Im selben Jahr werden die 2 Hektar Bodendecker- und Staudenflächen am Flugplatz umfassend modernisiert. Unterirdisch verlegte Beregnungsrohre sorgen nun für eine zuverlässige Wasserversorgung, und neue Wege aus U‑Betonsteinen erleichtern die Bewirtschaftung. Gleichzeitig wird die Anlage erweitert: Eine zusätzliche Fläche entsteht für die Anzucht von Schlingpflanzen sowie für größere Containerkulturen. Die Bewässerung erfolgt hier über Tropfschläuche, was eine besonders effiziente und pflanzenschonende Versorgung ermöglicht.
Darüber hinaus wird ein neues Vermehrungshaus (Folienhaus) errichtet, das die Jungpflanzenanzucht deutlich verbessert. Durch die Zupacht von weiteren 1,5 Hektar wächst die Gesamtfläche erneut. Auf diesem Areal entsteht ein Mutterpflanzenquartier mit Stauden, das speziell für die vegetative Vermehrung angelegt wird und die Produktionsmöglichkeiten erheblich erweitert.
Auch technisch entwickelt sich der Betrieb weiter: Ein großes Unterschneidemesser (3 t) wird angeschafft, um künftig auch schwere Alleebäume effizient roden zu können. Diese Investition stärkt die Leistungsfähigkeit des Betriebs und eröffnet neue Einsatzbereiche im Baumschulalltag.
 
Unterschneidemesser an 75 Ps Allrad-Schlepper im Einsatz für die Vereine
1984-1985
Nach bestandener Meisterprüfung heirate ich, Karl‑Heinz Schneider, im Jahr 1984 meine langjährige Freundin Carmen Kiraly. Ein Jahr später kommt unsere erste Tochter, Diana, zur Welt. Diese Zeit prägt nicht nur unser Familienleben, sondern auch die Zukunft des Betriebs. Denn erst durch das beharrliche Engagement meiner Frau Carmen entsteht überhaupt die Perspektive, die Baumschule in die dritte Generation zu führen.
In den folgenden vier Jahren wächst unsere Familie weiter: Unsere Töchter Kathrin und Marie‑Louise werden geboren. Mit ihnen wird das Haus lebendiger, und zugleich entsteht ein neues Gefühl von Verantwortung – für die Familie, für den Betrieb und für die kommenden Jahrzehnte.
Diese Jahre verbinden persönliches Glück mit wichtigen Weichenstellungen für die Zukunft und bilden damit einen zentralen Abschnitt in der Geschichte unserer Baumschule.
Polterband Ringstr.
Polterband Ringstr.
drei Töchter,Diana, Kathrin, MarieLouise
Die Seele des Betriebs meine Frau Carmen

1986

Im 60. Betriebsjahr zeigt sich die Baumschule als ein gewachsener, moderner und vielseitiger Familienbetrieb – getragen von drei Generationen, geprägt von stetiger Weiterentwicklung und persönlichem Engagement. Nach den Jahren der Modernisierung, der technischen Investitionen und dem Eintritt der nächsten Generation hat sich der Betrieb zu einer beeindruckenden Größe entwickelt.
Die Betriebsfläche umfasst nun 30 Hektar, davon 16 Hektar Baumschulfläche, die klar strukturiert und professionell bewirtschaftet wird:
  • 7 ha Baumquartiere
  • 4,5 ha Zier- und Feldgehölze
  • 2 ha Stauden und Bodendecker
  • 1 ha Nadelgehölze
  • 1 ha Obstgehölze
  • 0,5 ha Rosen
Auch personell ist der Betrieb stark aufgestellt. Insgesamt 18 Mitarbeiter tragen die tägliche Arbeit und das Wachstum der Baumschule:
  • 8 Gehilfen
  • 6 Auszubildende
  • 2 Meister
  • 1 Bürokauffrau
Die technische Ausstattung spiegelt den Anspruch wider, effizient und zukunftsorientiert zu arbeiten. Zum Maschinenpark gehören:
  • 2 Schmalspurschlepper
  • 3 Allradschlepper mit 50–75 PS
  • eine Topfmaschine
  • ein Schneider‑Hochradschlepper
  • ein Rüttelpflug
  • sowie weitere Spezialmaschinen, die den vielfältigen Anforderungen des Baumschulalltags gerecht werden
Damit präsentiert sich der Betrieb im Jubiläumsjahr als leistungsfähiges, gut organisiertes Unternehmen, das sowohl in Fläche als auch in Technik und Personal solide aufgestellt ist – ein eindrucksvoller Meilenstein in der langen Geschichte der Baumschule und ein sichtbares Ergebnis der Arbeit aller Generationen.

 

1988-1992

Auf der Container-, Stauden- und Bodendeckerfläche am Flugplatz werden die Kulturen zunehmend intensiver geführt. Mit dieser Verdichtung treten jedoch erneut die bekannten Probleme auf: hohe Nitrat- und Chloridwerte im Brunnenwasser, die die Pflanzen empfindlich schädigen und den Betrieb immer wieder vor große Herausforderungen stellen.
Auf der Suche nach nachhaltigen Lösungen stoßen wir auf neue Bewässerungsstrategien, die an der Forschungsanstalt Geisenheim entwickelt werden. Aus ersten Gesprächen entsteht eine enge Zusammenarbeit, in deren Rahmen die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die besonderen Bedingungen unseres Betriebs übertragen werden.
Mit finanzieller Unterstützung im Rahmen eines Pilotprojekts entsteht schließlich auf der Fläche ein geschlossener Wasserkreislauf, bei dem die Kulturen über Bewässerungsmatten von unten versorgt werden. Dieses System reduziert den Wasserverbrauch erheblich, schont die Pflanzen und verhindert, dass belastetes Brunnenwasser direkt an die Kulturen gelangt.
Das Projekt erweist sich als wegweisend für die gesamte Branche und findet deutschlandweit Beachtung. Sogar die Hessenschau berichtet über die Anlage – ein Moment, der zeigt, wie aus einer schwierigen Ausgangslage durch Innovation, Zusammenarbeit und Beharrlichkeit ein zukunftsweisendes Modell entstehen kann.

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1992

Während der Betrieb sich weiterentwickelt und die dritte Generation bereits Verantwortung übernimmt, geraten mein Vater Karl Schneider jun. und ich, Karl‑Heinz Schneider, zunehmend in unterschiedliche Auffassungen über die zukünftige Ausrichtung der Baumschule. Diese Spannungen belasten den Alltag spürbar und prägen die Zusammenarbeit. Oft ist es das ruhige, ausgleichende Wesen meiner Frau Carmen, das die Situation auf ein tragbares Niveau zurückführt und den familiären Zusammenhalt bewahrt.
Doch inmitten dieser ohnehin schwierigen Phase trifft uns ein unfassbarer Schicksalsschlag: Unsere jüngste Tochter Marie‑Louise kommt bei einem häuslichen Unfall ums Leben. Dieser Verlust reißt meine Frau und mich in eine tiefe Sinnkrise und stellt alles infrage – das Leben, die Arbeit, den Betrieb, die Zukunft.
Nichts bereitet einen auf einen solchen Moment vor. Und doch wirkt er weiter, verändert Perspektiven und Prioritäten und hinterlässt Spuren, die auch den weiteren Weg des Betriebs prägen.
 

1993-1995

Den schweren Verlust unserer Tochter noch nicht verarbeitet, geraten wir in die nächste große Belastungsprobe. In Wiesbaden beginnt die öffentliche Diskussion über den Neubau der ICE‑Trasse Köln–Rhein‑Main und die mögliche Anbindung der Stadt Wiesbaden. Drei Varianten stehen zur Auswahl – und ausgerechnet jene wird favorisiert, die für unseren Betrieb die gravierendsten Folgen hätte.
Für uns würde diese Entscheidung den Verlust von 7 Hektar Baumschulfläche in der Gemarkung Massenheim bedeuten. Noch schwerer wiegt jedoch der drohende Wegfall der 2 Hektar am Flugplatz, auf denen die wertvollen Bodendecker- und Staudenflächen stehen – das wirtschaftliche Herzstück unseres Betriebs.
In einer Zeit, in der wir privat wie beruflich ohnehin an unseren Grenzen stehen, droht nun auch die Existenzgrundlage der Baumschule ins Wanken zu geraten. Die Diskussionen um die Trassenführung werfen lange Schatten voraus und prägen die kommenden Jahre ebenso wie der Versuch, trotz aller Widrigkeiten den Betrieb und die Familie zusammenzuhalten.
Während wir noch mit den Folgen des schweren Schicksalsschlags ringen und die Diskussionen um die Zukunft des Betriebs innerhalb der Familie anhalten, beginnt eine weitere Herausforderung, die unser Leben und die Baumschule nachhaltig prägen wird. In Wiesbaden nimmt die Planung der ICE‑Trasse Köln–Rhein‑Main Fahrt auf, und schnell wird klar, dass die Entscheidungen, die dort getroffen werden, tief in unsere betrieblichen Strukturen eingreifen könnten.
Nach langen internen Gesprächen erteilt mein Vater, Karl Schneider jun., schließlich meiner Frau Carmen und mir den schriftlichen Auftrag, die Verhandlungen mit den Vertretern der ICE‑Planung sowie der Hessischen Landgesellschaft zu führen. Uns ist bewusst, dass es um nicht weniger als die Existenz des Betriebs geht.
Um fachlich und politisch gut aufgestellt zu sein, holen wir starke Partner an unsere Seite: den Hessischen Gartenbauverband unter Geschäftsführer Hans‑Georg Paulus sowie den Ortsbeirat Erbenheim mit seiner damaligen Ortsvorsteherin Marita Becker, die unsere Sorgen ernst nimmt und uns aktiv unterstützt.
Gemeinsam kommt es zu einem entscheidenden Treffen, bei dem vereinbart wird, ein Gutachten zu erstellen, das die betrieblichen Werte und die möglichen Folgen der geplanten Trassenführung monetär beziffert. Im Frühjahr 1995 liegen die ersten Ergebnisse vor – und sie fallen dramatisch aus: Die Prognose lautet eindeutig, dass der Betrieb in seiner Existenz bedroht ist.
Doch die im Gutachten festgelegten Werte und Einschätzungen werden von der Gegenseite nicht akzeptiert. Statt die Fakten anzuerkennen, beginnt ein zähes Ringen um Zahlen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten – ein Kampf, der sich wahrscheinlich über Jahre hinziehen wird und uns emotional wie wirtschaftlich alles abverlangt
Die Auseinandersetzungen mit den Verantwortlichen für den Bau der ICE‑Trasse spitzen sich weiter zu. Trotz zahlreicher Gespräche – selbst die Ortsvorsteherin Marita Becker versucht mit ruhigen Worten zu vermitteln – bleiben die Positionen unvereinbar. Schließlich kommt es zu einem Eklat: Meine Frau Carmen und ich sehen uns gezwungen, die Vertreter der ICE‑Planung aus unserem Haus zu verweisen.
Die Reaktion folgt prompt. Die Gegenseite leitet ein Enteignungsverfahren gegen uns ein. Doch wir sind fest entschlossen, standzuhalten. Die bisherigen Angebote waren nicht nur unangemessen, sondern hätten das Ende des Betriebs bedeutet. Aufgeben ist für uns keine Option.
Im Dezember 1995, einen Tag vor Beginn des Enteignungsverfahrens, kommt es überraschend zu einem letzten Versuch der Einigung. Unter der Verhandlungsführung unseres Geschäftsführers im Gartenbauverband, Hans‑Georg Paulus, und unseres Rechtsanwalts Roland Hauptstein beginnen intensive Gespräche. Bis zum Nachmittag wird hart verhandelt – und schließlich liegt ein unterschriftsreifer Vertragsentwurf vor, der die Existenz des Betriebs sichern könnte. An diesen Tag unterschreiben wir ca 17 Uhr den Vertrag
Kern der Vereinbarung ist eine durch die ICE‑Trasse finanzierte Verlagerung des Betriebs auf eine Fläche am Mittelpfad in Erbenheim. Dort sollen eine neue Produktionsfläche mit geschlossener Bewässerungsanlage sowie ein kleines Gartencenter auf 1 Hektar entstehen, um die Pflanzenproduktion direkt vermarkten zu können.
Trotz dieser Lösung verliert der Betrieb insgesamt 12 Hektar Land – ein schmerzhafter Einschnitt. Zudem muss laut Vertrag die gesamte Verlagerung innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein. Dieses enorme Pensum können wir nur bewältigen, weil die Stadt Wiesbaden, insbesondere Planungsdezernent Herr Dilger, ihre Unterstützung zusagt.
 
 

Die Monate nach der Vertragsunterzeichnung stehen unter enormem Druck. Die komplette Verlagerung des Betriebs muss laut Vereinbarung innerhalb eines Jahres abgeschlossen sein – ein Zeitfenster, das für einen Baumschulbetrieb eigentlich unrealistisch ist. Doch mit der zugesagten Unterstützung der Stadt Wiesbaden, insbesondere durch Planungsdezernent Herrn Dilger, wagen wir diesen Schritt.
Es beginnt eine Phase, deren Intensität kaum zu übertreffen ist. Während im Hintergrund weiterhin die Auseinandersetzungen mit Behörden und Gutachtern nachwirken, müssen wir gleichzeitig den gesamten Betrieb neu denken, planen und aufbauen. Die neue Fläche am Mittelpfad in Erbenheim wird dabei zur Hoffnung und zur Herausforderung zugleich.
Hier entsteht eine moderne Produktionsfläche mit geschlossener Bewässerungsanlage, die den Anforderungen der Zukunft gerecht werden soll. Parallel dazu planen wir ein Gartencenter auf 1 Hektar, um unsere Pflanzenproduktion direkt vermarkten und damit die wirtschaftliche Basis des Betriebs stärken zu können.
Doch schon in der Bauphase zeigt sich, wie schwierig der Weg werden wird: Auf dem neuen Gelände müssen zunächst Altlasten beseitigt werden. Insgesamt sechs Bombenfunde aus dem Zweiten Weltkrieg legen die Arbeiten für zehn Tage lahm – von anderen Hindernissen ganz zu schweigen. Jeder Stillstand kostet Zeit, die wir eigentlich nicht haben.
Der Preis dieser Verlagerung ist hoch: Insgesamt verlieren wir 12 Hektar Land – ein Einschnitt, der die Dimension des Umbruchs deutlich macht. Jeder Schritt, jede Entscheidung, jeder Bauabschnitt verlangt uns alles ab. Und dennoch entsteht in dieser Zeit etwas Neues: eine Vision davon, wie der Betrieb trotz aller Widrigkeiten weiterbestehen kann.
Diese Monate markieren einen Wendepunkt. Sie zeigen, wie viel Kraft, Mut und Zusammenhalt nötig sind, um einen Familienbetrieb durch existenzielle Krisen zu führen – und wie sehr der Wille, nicht aufzugeben, die Zukunft prägen kann.

1996

Nach Neubau unter immensen Zeitdruck und vielen Problemen ( Entschärfung von insgesamt 6 Fliegerbomben des zweiten Weltkrieges) konten wir den Bau der neuen Produktionsanlage und des neue GartenCenters abschließen und eröffenen im Oktober 1996 den neuen GartenCenter

Der Betrieb liegt jetzt Neben dem Erbenheimer Friedhof am Mittelpfad mit insg. 3,5 ha Fläche es beginnt eine neue Zeit und Konzeption des Betriebes unter neuer Leitung. Mein Vater hat zeitleich mit einem Übergabevertrag die Baumschule auf mich seinen Sohn  und meine Frau übertragen und geht in Rente

Um den Ausfall der Flächen und Erträge auszugleichen werden neue Geschäftsfelder eröffnet, Floristik, Grabpflege mehr Privatkunden

Neu Adresse 

Baumschule Karl Schneider

inh. Karl- Heinz Schneider

Mittelpfad 5 und 7

65205 Wiesbaden- Erbenheim

Der alte Standort im Ort wird weiter als Betriebshof betrieben

1998 

Die ersten Jahre am neuen Standort stehen ganz im Zeichen des Neubeginns – und gleichzeitig im Zeichen einer außergewöhnlichen familiären Herausforderung. Während wir den Betrieb stabilisieren, Strukturen aufbauen und neue Geschäftsfelder entwickeln, kämpfen wir parallel um die Gesundheit unseres Sohnes Sebastian Philipp, der als Frühchen mit nur 1000 Gramm einen schweren Start ins Leben hat.
Diese Doppelbelastung begleitet uns fast zwei Jahre lang. Zwischen Krankenhausaufenthalten, Arztterminen und der ständigen Sorge um sein Wohlergehen müssen wir gleichzeitig Entscheidungen treffen, Personal führen, Kunden betreuen und den neuen Betrieb am Mittelpfad zum Laufen bringen. Es ist eine Zeit, in der jeder Tag zählt – beruflich wie privat.
Vor allem meine Frau Carmen trägt in dieser Phase eine kaum zu beschreibende Last. Mit unerschütterlicher Kraft hält sie Familie und Betrieb zusammen, organisiert, entscheidet, tröstet und kämpft – oft über ihre eigenen Grenzen hinaus. Ohne ihren Einsatz wäre diese Zeit nicht zu bewältigen gewesen.
Trotz aller Sorgen gelingt es uns, Schritt für Schritt Stabilität zu gewinnen. Der neue Standort entwickelt sich, die Kunden nehmen das Gartencenter gut an, und die neuen Geschäftsfelder – Floristik, Grabpflege und der verstärkte Privatkundenbereich – beginnen Früchte zu tragen. Gleichzeitig macht Sebastian Fortschritte, langsam, aber stetig.
Diese Jahre zeigen uns, wie eng persönliches Schicksal und berufliche Verantwortung miteinander verwoben sind. Sie lehren uns, dass ein Familienbetrieb nicht nur durch Flächen, Maschinen oder Gebäude definiert wird, sondern durch die Menschen, die ihn tragen – und durch die Stärke, die entsteht, wenn man trotz aller Widrigkeiten weitermacht.
 
Fast gleichzeitig geht die Initiative von meiner Frau aus meine Oma Luise Hautzel die plötzlich mit 89 Jahre pflegebdürftig wurde in unseren Haus aufzunehmen kein anderer war  dafür bereit
Nur durch den Einsatz unserer Töchter damals 12 und 14 jahre war das für sie zu bewältigen

2000-2007

Während sich der neue Standort am Mittelpfad langsam etabliert und wir Schritt für Schritt Stabilität gewinnen, gerät der alte Betriebshof mitten im Ort zunehmend unter gesellschaftlichen Druck. Das Dorf, das über Jahrhunderte von Landwirtschaft und Gärtnereibetrieben geprägt war, verändert sich grundlegend. Aus dem früheren Bauern- und Gärtnerort wird immer schneller eine Wohn- und Pendlergemeinde für Wiesbaden.
Die alten Hofreiten werden zu Mietwohnungen umgebaut, neue Bewohner ziehen ein – und mit ihnen verändern sich Erwartungen, Lebensrhythmen und vor allem das Verkehrsverhalten. Was früher selbstverständlich war, wird nun zum täglichen Konflikt.
Der betriebliche Verkehr – Traktoren, Lieferwagen, Erdtransporte, Pflanzenverladungen – lässt sich kaum noch mit dem dichten Parkdruck der Anwohner vereinbaren. Immer häufiger sind unsere Ein- und Ausfahrten blockiert. Abends stauen sich unsere Fahrzeuge, weil Falschparker erst gefunden und umgeparkt werden müssen. Doch auch tagsüber kommt es zunehmend zu Reibungen zwischen betrieblichem Verkehr und parkenden Privatfahrzeugen.
Früher konnten wir Pflanzen sogar vor dem Hof auf der Straße verladen. Heute ist nicht einmal mehr ein ungehindertes Ein- und Ausfahren möglich, ohne dass es zu Verzögerungen oder Diskussionen kommt. Transporte von Erde, Pflanzen oder Material werden zur Geduldsprobe – oft sogar zur Unmöglichkeit.
Schließlich beantragen viele Anwohner die Umwandlung des gesamten Bereichs in eine verkehrsberuhigte Zone, eine sogenannte Spielstraße. Für einen aktiven landwirtschaftlichen Betrieb wäre das faktisch das Aus.
Damit bleibt nur eine einzige realistische Konsequenz: Die Aufgabe des Hofes – nachweislich nach rund 350 Jahren Familiengeschichte an diesem Standort.
Ein Schritt, der schwerer kaum sein könnte. Doch angesichts der veränderten gesellschaftlichen und räumlichen Bedingungen ist er unausweichlich. Der alte Hof, über Generationen das Herz der Familie und des Betriebs, verliert seine Funktion – und wir müssen endgültig loslassen.

2007

Nach langen Gesprächen, Abwägungen und intensiver Diskssionen innerhalb zwei Jahren entscheiden mein Vater und ich, die Ringstraße 1, unseren alten Hof mitten im Ort, endgültig zu verkaufen. Es ist ein Schritt, der schwerer kaum sein könnte – schließlich endet damit eine nachweislich rund 350‑jährige Familiengeschichte an diesem Standort. Doch die gesellschaftlichen Veränderungen im Dorf und die zunehmenden Konflikte mit den neuen Anwohnern lassen uns keine andere Wahl.
Parallel dazu beginnen wir am Mittelpfad mit dem Bau eines neuen Wohnhauses. Es entsteht ein modernes Gebäude mit einem Altenteil, einer separaten Wohnung für meinen Vater Karl Schneider jun. und meine Mutter Anita. Damit befinden sich nun Wohnhaus, Betriebshof und Produktionsflächen vollständig auf einem gemeinsamen Anwesen. Diese räumliche Konzentration schafft Klarheit, kurze Wege und eine neue, zeitgemäße Struktur für den Betrieb.
Das neue Wohnhaus erhält später besondere Anerkennung: 2014 wird es in der Kategorie Mehrfamilienhaus zum „Traumhaus des Jahres“ gewählt. Als 3‑Liter‑Haus mit hervorragender Wärmedämmung steht es sinnbildlich für den Wandel des Betriebs – Tradition und Moderne, die sich gegenseitig stärken.
Mit dem Umzug an den Mittelpfad ist die Verlagerung des gesamten Unternehmens abgeschlossen. Der Betrieb ist nun vollständig an einem Ort vereint, bereit für eine neue Phase seiner Entwicklung – getragen von der Erfahrung vergangener Generationen und dem Mut, neue Wege zu gehe

2004

In diesem Jahr beginnt unsere älteste Tochter Diana Schneider ihr Gartenbaustudium an der Hochschule Geisenheim. Für uns als Familie ist das ein besonderer Moment, denn Diana – ebenso wie ihre Schwester – war von klein auf im Betrieb dabei. Beide haben früh mitgeholfen, Pflanzen getopft, Kunden bedient und den Alltag der Baumschule miterlebt und die Oma Luise gepflegt
Nach langen Überlegungen und dem Abwägen verschiedener beruflicher Möglichkeiten entscheidet sich Diana schließlich bewusst für den Gartenbau. Diese Entscheidung ist nicht selbstverständlich – sie ist das Ergebnis eigener Erfahrungen, eigener Prüfungen und einer echten inneren Überzeugung.
Damit beginnt die nächste Generation, ihren Platz im Betrieb zu finden und die Zukunft der Baumschule aktiv mitzugestalten.

 

Diana hikft mit

2009- 2011

Auch unsere zweite Tochter, Kathrin Schneider, entscheidet sich nach längerer Überlegung für einen beruflichen Weg im Gartenbau. Sie beginnt ihre Ausbildung zur Staudengärtnerin im renommierten Betrieb Gärtner Stauden in Limburg – eine bewusste Entscheidung, die auf echter Leidenschaft für Pflanzen und Produktion beruht.
In diesem Jahr schließt Kathrin ihre Ausbildung erfolgreich mit der Gesellenprüfung ab. Kurz darauf tritt sie in unseren Betrieb ein und übernimmt Verantwortung im Bereich der Staudenproduktion. Damit setzt sie nicht nur ihr eigenes berufliches Fundament, sondern stärkt zugleich einen zentralen Produktionszweig der Baumschule.
Mit dem Einstieg beider Töchter in den Gartenbau beginnt sich abzuzeichnen, dass die nächste Generation bereit ist, die Tradition des Familienbetriebs weiterzuführen – jede auf ihre eigene Weise und mit ihren eigenen Stärken.
 
 
 

2012-2014

Doch erneut kündigt sich ein schwerer Schicksalsschlag an: Meine Frau Carmen Schneider erkrankt an Brustkrebs. Diese Diagnose verändert unser Familienleben und den gesamten Betriebsablauf tiefgreifend. Von einem Tag auf den anderen verschieben sich Prioritäten – alles richtet sich nun darauf aus, Carmen bestmöglich zu unterstützen und gleichzeitig den Betrieb am Laufen zu halten.
Um die Belastung für sie zu reduzieren, holen wir unsere Tochter Kathrin aus der Produktion heraus und setzen sie im Verkauf ein. Dort kann sie ihrer Mutter zur Seite stehen, sie entlasten und gleichzeitig wichtige Aufgaben im Tagesgeschäft übernehmen. Diese Entscheidung wird zu einer wertvollen Stütze – menschlich wie organisatorisch.
Trotz ihres starken Willens und ihres unermüdlichen Einsatzes beginnt Carmens Kraft nach und nach zu schwinden. Die Krankheit fordert ihren Tribut und stellt uns alle vor große seelische und praktische Herausforderungen. In dieser Zeit rücken wir als Familie noch enger zusammen. Jeder übernimmt Verantwortung, jeder trägt seinen Teil dazu bei, den Betrieb weiterzuführen und Carmen so viel Halt wie möglich zu geben.
Diese Phase prägt uns tief. Sie zeigt, wie verletzlich ein Familienbetrieb sein kann – und gleichzeitig, wie viel Stärke in einer Familie steckt, wenn sie gemeinsam durch eine schwere Zeit geht.
 

2014

Anfang Januar erhielt meine Frau – nach fast zweijährigem, tapfer ertragenem Kampf der Ärzte – die endgültige Diagnose: Sie war austherapiert. Von diesem Moment an entschied sie bewusst, nicht mehr ins Krankenhaus zurückzukehren. Ihr Alltag spielte sich fortan ausschließlich zu Hause ab, getragen von der Fürsorge unserer Töchter, meiner Unterstützung und der palliativen Begleitung durch die behandelnden Ärzte.
Trotz ihrer zunehmenden Schwäche bestand sie darauf, weiterhin selbstständig zu bleiben. Selbst die Büroarbeit wollte sie nicht aus der Hand geben – ein Ausdruck ihres starken Charakters und ihres tiefen Verantwortungsgefühls.
Mitte Mai 2014 verstarb meine Frau. Ihr Tod riss eine tiefe Lücke in unsere Familie und stellte uns sowohl emotional als auch organisatorisch vor große Herausforderungen. Diese Zeit prägte uns nachhaltig und veränderte unser Leben in vielerlei Hinsicht.
Nach dem Tod meiner Frau Carmen im Mai 2014 stand unsere Familie vor einer der schwersten Aufgaben unseres Lebens: Wir mussten lernen, ohne sie weiterzumachen – als Menschen, als Familie und als Betrieb. Die Lücke, die sie hinterließ, war tief und schmerzlich. Sie war nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch das Herz des Unternehmens, diejenige, die Zusammenhalt, Struktur und Wärme in den Alltag brachte.
In den Wochen und Monaten danach mussten wir uns neu ordnen. Viele Aufgaben, die Carmen selbstverständlich getragen hatte, lagen nun brach oder mussten neu verteilt werden. Unsere Töchter übernahmen Verantwortung, Diana  nervlich zerütet brach ihr Studium ab und stellte sich dem Betrieb zur Verfügungm  . Besonders in der Verwaltung, im Verkauf und in der Organisation des Tagesgeschäfts wurde die Hilfen meiner Töchter Unterstützung unverzichtbar.
Auch für mich begann eine Zeit des Umdenkens. Neben der Trauer musste ich den Betrieb stabil halten, Entscheidungen treffen und gleichzeitig für meine Kinder da sein. Der Alltag verlangte uns viel ab – doch gerade in dieser Phase zeigte sich, wie stark der Zusammenhalt in unserer Familie war. Wir trugen einander durch die schweren Tage, suchten Halt in der Arbeit und fanden Schritt für Schritt wieder Struktur.
Der Betrieb selbst wurde in dieser Zeit zu einem Ort des Weiterlebens. Die Pflanzen, die Kunden, die täglichen Aufgaben – all das half uns, nicht stehen zu bleiben. Gleichzeitig war jeder Tag eine Erinnerung daran, wie viel Carmen aufgebaut hatte und wie sehr sie fehlte.
Diese Phase hat uns geprägt. Sie hat uns gelehrt, Verantwortung neu zu definieren, Aufgaben neu zu verteilen und als Familie noch enger zusammenzustehen. Und sie hat uns gezeigt, dass ein Familienbetrieb nicht nur aus Arbeit besteht, sondern aus Menschen, die füreinander einstehen – gerade dann, wenn das Leben am schwersten ist.

2015

An Weihnachten 2015 verstarb mein Vater, Karl Schneider jun. Vorausgegangen war ein altersbedingter Krankheitsverlauf, der ihn in seinem letzten Lebensjahr in ein Pflegeheim in Wiesbaden führte.
Wir hätten ihm – mit seiner eigenständigen, stolzen und lebenspraktischen Art – nie zugetraut, dass er sich dort wohlfühlen könnte. Doch überraschenderweise fand er genau dort Ruhe, Sicherheit und ein Stück Lebensfreude, die ihm zu Hause nicht mehr möglich gewesen wären.
Er sagte es oft selbst und teilte es auch vielen Verwandten mit: Für ihn war es der richtige Ort zur richtigen Zeit.
Sein Tod markierte das Ende einer Ära. Mit ihm ging nicht nur der Senior des Hauses, sondern auch ein Mann, der über Jahrzehnte den Betrieb geprägt, getragen und mit seinem Wissen und seiner Erfahrung bereichert hatte. Seine Art und seine tiefe Verbundenheit zur Baumschule bleiben unvergessen.

 

2015–2025

Nach den schweren Schicksalsschlägen erholte sich unsere Familie nur langsam. Der Tod meiner Frau hatte uns tief getroffen, und auch der Verlust meines Vaters im darauffolgenden Jahr hinterließ eine weitere Lücke. In dieser Phase mussten wir lernen, den Alltag neu zu organisieren und den Betrieb trotz aller Belastungen weiterzuführen.
Meine Tochter Diana hatte beim Tod ihrer Mutter ihre begonnene Doktorarbeit abgebrochen, um im Betrieb Verantwortung zu übernehmen. Sie kümmerte sich um die Büroarbeit, die Finanzen und viele organisatorische Aufgaben, die zuvor von ihrer Mutter getragen worden waren. Kathrin übernahm in dieser Zeit das Privatkundengeschäft und sorgte dafür, dass der Verkauf stabil blieb.
Gleichzeitig mussten wir den Betrieb an die neue Situation anpassen. Die eigene Pflanzenproduktion wurde reduziert, und der Betrieb verkleinerte sich insgesamt um etwa die Hälfte. Dank der tatkräftigen Unterstützung meiner Töchter – aber auch durch die Hilfe von Freunden und Mitgliedern unserer Großfamilie – gelang es uns, den Betrieb nicht aufzugeben, sondern Schritt für Schritt neu zu strukturieren. So fanden wir langsam wieder zurück in einen Alltag, der trotz aller Veränderungen tragfähig blieb.
Nach einiger Zeit entschied sich Diana, den Betrieb zu verlassen und ihre Doktorarbeit wieder aufzunehmen. Sie schloss sie erfolgreich ab und fand anschließend eine qualifizierte Stelle außerhalb unseres Unternehmens. Dennoch blieb sie uns eng verbunden und steht bis heute in regelmäßigem Austausch mit uns.
Kathrin übernahm dauerhaft das Büro und die Finanzen, wodurch die Floristikabteilung verkleinert wurde. Mit ihrer Zuverlässigkeit und ihrem Engagement wurde sie zu einer zentralen Stütze des Betriebs in dieser neuen Phase.
Nach der Neuaufstellung des Betriebs und der schweren Zeit familiärer Verluste begann für uns eine Phase des langsamen, aber stetigen Wiederaufbaus. Die Reduzierung der Produktion und die Verkleinerung des Betriebs hatten zwar schmerzhafte Einschnitte bedeutet, doch sie schufen zugleich die Grundlage für eine neue, tragfähige Struktur.
Kathrin übernahm dauerhaft die Verantwortung für Büro, Finanzen und Organisation. Mit ihrer ruhigen, verlässlichen Art brachte sie Stabilität in den Alltag und sorgte dafür, dass der Betrieb trotz aller Veränderungen handlungsfähig blieb. Durch ihre klare Strukturierung und ihr Engagement konnten Abläufe vereinfacht und effizienter gestaltet werden.
Mit der Verkleinerung der Floristikabteilung und der Konzentration auf das Privatkundengeschäft entstand ein überschaubarer, aber gut funktionierender Betriebszweig, der sich stärker an den Bedürfnissen der Kundschaft orientierte. Die Staudenproduktion blieb bestehen, jedoch in einem Umfang, der zu den neuen personellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen passte.
Auch wenn Diana nach Abschluss ihrer Doktorarbeit beruflich neue Wege ging, blieb sie dem Betrieb eng verbunden. Ihr fachlicher Rat, ihre Erfahrung und ihr Blick von außen wurden zu einer wertvollen Ergänzung – nicht täglich, aber immer dann, wenn es wichtig war.
In dieser Zeit zeigte sich, dass ein Familienbetrieb nicht nur durch seine Größe oder seine Produktionszahlen definiert wird, sondern durch die Menschen, die ihn tragen. Trotz aller Rückschläge gelang es uns, den Betrieb zu stabilisieren, neu auszurichten und eine Struktur zu schaffen, die tragfähig blieb – kleiner, aber klarer, und getragen von Zusammenhalt und Verantwortung.
 
 
 
 
 

1926

100 Jahre Baumschule Karl Schneider

ein Jubiläum, das uns mit tiefer Dankbarkeit erfüllt. Gerade weil die vergangenen Jahre von schweren Verlusten und großen Herausforderungen geprägt waren, bedeutet uns dieser Meilenstein mehr, als Worte ausdrücken können. Mehr als einmal standen wir vor der Frage, ob wir den Betrieb überhaupt weiterführen können.
Umso wichtiger ist es, all jenen zu danken, die uns in dieser Zeit getragen haben: Freunden, langjährigen Wegbegleitern und Mtglieder unseren alten Großfamilie . Sie haben uns Mut gemacht, uns unterstützt und uns immer wieder daran erinnert, dass es sich lohnt, die Tradition fortzuführen und die 100 Jahre vollzumachen. Diese Rückendeckung hat uns Kraft gegeben und uns geholfen, mit unserer fachlichen Kompetenz und unserem besonderen Profil dem zunehmenden Druck des Marktes und des Zeitgeistes standzuhalten und fest dran zu glauben das fachliche Kompetenz sich gegenüber Marketing auch nach 100 Jahren noch Bestand hat
Oft mussten wir dem Zeitgeist widersprechen, Kundinnen und Kunden fachlich aufklären und für echte gärtnerische Qualität einstehen. Es war nicht immer leicht – aber es hat funktioniert. Viele andere Gärtnereien im Rhein-Main-Gebiet haben diesen Weg leider nicht geschafft und aufgegeben. Trotz aller Konkurrenz fühlte man sich verbunden, und mit jedem Betrieb, der schloss, ging wertvolles Wissen verloren.
Nun beginnt ein neues Kapitel: der Generationenwechsel. Von unseren Kindern ist Kathrin diejenige, die bereit ist, den Betrieb weiterzuführen – mit eigenen Vorstellungen, neuen Ideen und dem Mut, Bewährtes mit Modernem zu verbinden. Dieses Recht steht ihr zu, und ich möchte ihr nicht im Weg stehen, sondern sie unterstützen, solange ich kann. Ein Plan für eine erneute Umstrukturierung liegt bereits vor, und wir hoffen, dass sich alles so entwickeln wird, wie wir es uns vorstellen.
Mit diesem Jubiläum blicken wir nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Beginnen wir also die nächsten Jahre – vielleicht sogar die nächsten fünfzig oder hundert.