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Wiedehopf sucht Nahrung auf einer Wiese in der Baumschule

Biodiversität. Jeder hat das Wort im Mund aber kaum einer ist sich der Tragweite dieses Wortes bewusst

Die Stadt Wiesbaden hat wieder einmal eine großartige Aktion zur Biodiversität gestartet. Viele Veranstaltungen, viele Aktionen, die zeigen sollen, wie wir die Artenvielfalt in unserem Leben stärken können. Das ist gut gemeint, und ich will es auch niemandem absprechen.

Das Ganze hat nur einen Haken. In unserer gesamten Gesellschaft wird viel über Biodiversität gesprochen — aber nur wenige sind bereit, sie auch zu leben. Reden ist einfach. Es kostet nichts, es sieht gut aus, und man muss dafür nichts ändern.

Wer Biodiversität will, muss im Neubaugebiet anfangen

Wenn die Verwaltung der Stadt Wiesbaden dieses Thema erkannt hat und ernsthaft umsetzen will — warum fängt sie dann nicht zuerst dort an, wo sie es selbst in der Hand hat? In ihren eigenen Neubaugebieten.

In den Bürgerversammlungen ist vieles versprochen worden. Wenn man aber sieht, was am Ende tatsächlich herauskommt, bezweifle ich, dass dort jemand weiß, was das eigentlich bedeutet.

Die Grünflächen werden von Bebauungsplan zu Bebauungsplan kleiner. Zwischen den Häusern liegen vier, vielleicht fünf Meter — und in diesen Spalt wird dann noch ein Baum hineingedrängt. Wie soll der leben können? Ein Baum braucht Wurzelraum, er braucht Licht, er braucht Wasser, das versickern kann. Nichts davon findet er dort.

Oder es werden Sträucher und Bäume fünfzig Zentimeter neben die Hauswand gesetzt. Fünfzig Zentimeter. Dort ist der Boden verdichtet vom Baustellenverkehr, im Sommer staut sich die Hitze an der Wand, und im Winter kommt kein Regen an. Wie soll da Artenreichtum entstehen? Wie soll da überhaupt etwas leben?

Das Grün steht dann in der Planung. Auf dem Papier ist die Vorgabe erfüllt. Nur die Natur weiß davon nichts.

Morus fruitless ein klimaresidenter Baum mit schirmförmiger Krone

Morus fruitless ein klimaresidenter Baum

Auch wir müssen uns messen lassen

Aber dieses Handeln zieht sich durch unsere gesamte Gesellschaft, nicht nur durch die Verwaltung. Und damit es nicht bei der Kritik an anderen bleibt, nehme ich unsere eigene Gärtnerei als Beispiel.

Wir sind eine der wenigen traditionellen Gärtnereien, die es hier überhaupt noch gibt — mit eigener Produktion. Bei uns wird vermehrt, getopft, geschnitten und verpflanzt. Die Pflanze, die Sie bei uns kaufen, ist in aller Regel bei uns groß geworden. Wir haben sie durch ihre Winter gebracht. Es ist eine Gärtnerei, die über drei Generationen Gärtner hervorgebracht hat, die dem Fachwissen verbunden sind.

Bei uns wird immer zuerst an die Lebensweise und die Bedürfnisse der Pflanze gedacht. Nicht daran, wie sie sich am besten verkauft.

Marketing ist uns fremd.

Wir versuchen stattdessen, unser Pflanzenwissen an den Kunden weiterzugeben. Denn wenn eine Pflanze über Jahre gedeihen soll, reicht es nicht, dass sie beim Kauf gut aussieht. Man muss auch die Umgebung einbeziehen, in die sie kommt: den Boden, das Licht, den Wind, die Nachbarpflanzen. Und genau da liegt der Haken.

Zwei Beispiele aus dem Alltag

Zwei Begebenheiten sollen das veranschaulichen.

Eine Kundin erzählte uns, dass sie Stieglitze liebe. Wir sollten ihr einen Baum empfehlen, der die Vögel anzieht, damit sie sie in ihrem Garten hätte. Ich empfahl ihr, fünf Prozent ihres Gartens kontrolliert verwildern zu lassen — kontrolliert, wohlgemerkt, nicht aufgeben. Dann hätte sie alles: die Stieglitze und noch vieles dazu.

Sie war außer sich. Die Nachbarn würden sich darüber erregen. Und wie das aussehen würde. Der ganze Dreck.

Das zweite Beispiel: Ein Kunde hat sich in den Google-Bewertungen sehr positiv über unsere Pflanzen geäußert. Er war zufrieden, er kommt wieder. Allerdings verwies er darauf, dass unser Grundstück, in Anführungszeichen, verwahrlost sei.

Und genau hier liegt der Gedankenfehler. Beide Male derselbe.

Warum bei uns keine Pflanze auf Beton steht

Wir stellen unsere Pflanzen nicht auf Betonflächen, und das hat einen einfachen Grund: Es schadet ihnen.

Stellen Sie sich doch einmal selbst einen ganzen Tag lang in einen Steingarten. Spätestens wenn die Sonne draufsteht, werden Sie es nicht mehr aushalten. Der Stein heizt sich auf, gibt die Wärme nach unten und nach oben ab, und abends kühlt er nicht ab.

Für eine Pflanze im Topf bedeutet das eine starke Schädigung. Der Ballen trocknet aus, die Feinwurzeln verbrennen an der Topfwand, und das sieht man ihr im Verkauf nicht an. Man sieht es erst, wenn sie bei Ihnen im Garten steht und nicht anwächst.

Wir verweisen deshalb immer darauf, dass unser Ausfall unter drei Prozent liegt. Das ist keine Werbeaussage, das ist unsere eigene Rechnung.

Was auf unserem Grundstück lebt

Und damit kommen wir zur Biodiversität.

In unserer Gärtnerei finden Sie 20 bis 30 verschiedene Vogelarten. Dazu Eidechsen, Schlangen und Insekten in Hülle und Fülle. Sie sind nicht angesiedelt worden, es hat sie niemand eingeladen. Sie sind da, weil sie hier finden, was sie brauchen: Deckung, Nistplätze, Nahrung, unversiegelten Boden und Ecken, in denen nicht ständig jemand aufräumt.

Wie viele dieser Tiere finden Sie auf den Betonflächen — den Ausstellungsflächen — unserer Mitbewerber?

Dort stehen zwar schöne Pflanzen. Hoch gedüngt. Und für das Auge der heutigen Gesellschaft zurechtgemacht. Marketing eben. Aber halten die auch den nächsten Wetterwechsel aus? Den ersten Frost, die erste echte Trockenheit im Garten?

Ob das gut für die Pflanzen ist, möchte ich bezweifeln.

Wir gehen immer von der Maxime aus, dass unsere Pflanzen abgehärtet sein müssen — der jeweiligen Jahreszeit und der Witterung angepasst. Eine Pflanze, die den Winter draußen erlebt hat, weiß, was auf sie zukommt. Eine, die durchgeheizt und durchgedüngt wurde, weiß es nicht.

Diese Kraftpakete sollen dann bei Ihnen im Garten über viele Jahre ihre ganze Schönheit und Stärke entfalten. Nicht eine Saison lang. Viele Jahre.

Verwahrlost oder lebendig?

Deshalb sieht unser Grundstück für den modernen Privatkunden verwahrlost aus.

Ich weiß das. Wir könnten es ändern. Wir könnten pflastern, aufräumen, Reihen ziehen. Es würde besser aussehen und den Pflanzen schaden.

Wir haben aber noch sehr viele Kunden, die das wertschätzen. Die unsere breite Pflanzenauswahl schätzen und ebenso die Fauna und Flora, die hier lebt. Besonders geschätzt wird unsere Herangehensweise, die Pflanze als Ganzes zu sehen — in ihren Lebensbereichen und in ihren Funktionen. Und natürlich der geringe Ausfall der Pflanzen, die wir verkaufen.

Diese angeblich so verwahrloste Gärtnerei ist für uns gelebte Biodiversität. Nicht als Aktion. Als Zustand.

Die obersten zwanzig Zentimeter

Was unserer Gesellschaft fehlt — bis hinein in große Teile der Verwaltung — ist das Verständnis dafür, dass Natur anders funktioniert, als wir es gerne hätten.

Natur ist wild. Sie ist hart. Und sie ist von tausend Faktoren abhängig, von denen wir die meisten nicht steuern können. Aber davon leben wir alle.

Von den obersten zwanzig Zentimetern der verwitterten Erdoberfläche, vermischt mit organischer Substanz. Zwanzig Zentimeter, mehr ist es nicht. Sie zu bilden hat Jahrtausende gedauert, und erst sie haben Leben ermöglicht. Alles, was wir essen, steht darauf.

Wenn diese zwanzig Zentimeter nicht mehr funktionieren, ist es vollkommen egal, welchen Beruf ich habe oder wie viel Geld ich verdiene. Wir werden nicht mehr existieren können. So einfach ist das.

Dieser ewige Kreislauf von Entstehen und Vergehen, den die Japaner in der Kirschblüte feiern, ist die Grundlage allen Lebens. Sie feiern die Blüte gerade deshalb, weil sie vergeht.

Oder anders gesagt: Wer wie ich mit dem Christentum verbunden ist, der weiß — von der Erde kommen wir, zur Erde gehen wir zurück. Das ist die einzige feststehende Gewissheit in unserem Leben. Wir werden sterben, und unser Körper geht zurück zur Natur. Und wird damit wieder zur Grundlage für neues Leben.

Genau das ist Biodiversität. Nicht eine Aktion im Sommer. Ein Kreislauf, in dem wir selbst vorkommen.

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